Die (feministische) Diskussionskultur stärken – Ein Interview mit Dr. Judith Scholz

Mit Judith Scholz habe ich über die (feministische) Diskussionskultur gesprochen. Ihre Vision ist Raum für Ideen und Kreativität bieten, wo feministische und gesellschaftliche Themen diskutiert und vorangebracht werden können. Generell gibt Judith Scholz Tipps, was Frauen tun können, um mehr in eine aktive Stellung zu kommen, als in einer passiven zu verbleiben. Was Frauenfußball und Elefanten damit übrigens zu tun haben, kannst Du hier nachlesen: 

Melanie: Liebe Judith, ich freue mich sehr, dass es geklappt hat! Könntest du dich zu Beginn kurz vorstellen?

Judith: Ich bin Judith Scholz, habe BWL in Potsdam und in den USA studiert und arbeite heute als „Steuerstrategin“ (Steuerberaterin). Bevor ich meine eigene Kanzlei gegründet habe, war ich im Bereich M&A/Tax bei „Big 4“-Gesellschaften tätig. Diese habe ich verlassen, um in unserem Familienunternehmen des Hotelgewerbes einen Wachstumsprozess zu begleiten. Aus irgendeinem Grund schlägt mein Herz jedoch unaufhörlich für das Steuerrecht. Deshalb wollte ich dahin zurück und habe anschließend meine eigene Steuerberatung gegründet.

Melanie: Und du hast auch die Fraueninitiative „Elefantinnenrunde“ gegründet. Welches Ziel hat diese?

Judith: Genau. Ich bin von verschiedenen Förderwerken während meines Studiums gefördert worden, z.B. der Konrad-Adenauer-Stiftung oder Fulbright und habe ein Karriereförderungsprogramm des Cusanuswerks  mitgemacht. Hier schließt sich der Kreis zur Elefantinnenrunde. Ich wollte über diesen bereits inspirierenden Teilnehmerinnenkreis hinausgehen, weil durch mehr Frauen, auch mehr Wertesysteme zusammenfinden. So wollte ich interessante Menschen zusammenbringen, so dass sich mein für mich so inspirierender Wirkungskreis auch untereinander kennenlernt. Ich bin Feministin, weshalb der Fokus gerade auf Frauen gerichtet ist. Ich integriere aber auch Männer – ohne die geht es nicht. Eines meiner derzeitigen Projekte liegt darin, einen Business Circle zu initiieren, um Frauen stärker aufs Geld verdienen auszurichten, da dies finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht. Hierfür tut uns Frauen der Blickwinkel der Männer, die das aus ihrer traditionellen Rolle heraus immer gemacht haben, sehr gut.

Der Name „Elefantinnenrunde“ war eine ganz spontane Wortschöpfung. Dabei habe ich an die Runde der Parteivertreter nach den Bundestagswahlen gedacht. Auch rein biologisch betrachtet ist das ein sehr gutes Bild. Die Elefantenkuh prägt und führt die Gesellschaft. Sie ist die Weise und die Kinder der Elefantenkuh werden von der Gesellschaft erzogen. Eine Elefantenkuh müsste nicht aus dem Arbeitsleben austreten, um Kinder zu bekommen, denn sie hat viel Unterstützung. Das empfinde ich als sehr gutes Bild.

Melanie: Das war tatsächlich auch das Erste was ich gedacht habe. Da Elefanten meine Lieblingstiere sind, kenne ich mich mit denen recht gut aus.

Judith: Meine besten Ideen entstehen meist nicht durch Kämpfe und Krämpfe, sondern durch Entspannung, die Kreativität ermöglicht. Mit der Elefantinnenrunde habe ich intuitiv Raum für Offenheit und Verletzbarkeit geschaffen. Dies gibt die Chance, genau an der richtigen Stelle eigene Blockaden mithilfe anderer kluger Frauen aufzulösen. [lacht]

Mein Anspruch ist, dass man sich nicht nur um sich selbst kümmert. Vielmehr müssen auch gesellschaftliche Themen angepackt werden, wodurch wir unsere Realität gestalten können. Dazu gehören auch feministische Aspekte, aber auch gesamtgesellschaftliche.

Melanie: Die Elefantinnenrunde ist mehr als nur ein berufliches Frauennetzwerk, wenn ich das richtig verstehe. Diskutiert wird recht politisch - wenn auch überparteilich. Welche Themen diskutiert ihr dort? Werden dort auch konkrete Lösungen erarbeitetet, wie bspw. der Gender Pay Gap oder die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen, gelöst werden könnten?

Judith: Meine Vision für die Elefantinnenrunde ist, dass sie eine Art ThinkTank wird, der Lösungen für gesellschaftlich relevante Themen bietet. Für die Erfüllung dieser Vision müssen aber noch einige Wege beschritten werden. Ich weiß, dass wir als Elefantinnenrunde bereits im Kanzleramt bekannt sind. Wir sind aber noch auf dem Weg, dass wir Ansprechpartner für bestimmte Themen werden.

Ich identifiziere aus meinem Umfeld gesellschaftlich relevante Themen, spiele diese in das Netzwerk, um dort Projekte zu entwickeln.  Während der Veranstaltung, die alle ein bis zwei Jahre stattfindet, gibt es auch andere Frauen, die ihre Themen auf Bühnen präsentieren. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich als Motor dieses Netzwerks etwas zurücktreten kann und alle Frauen gemeinsam den Think Tank thematisch treiben.

Bei der letzten Veranstaltung im November 2019 war das Thema „Frauenfußball“. Meine Idee: Zeigt den Unternehmen, was sie aus Fußballerinnen für Werte ziehen können, um wiederum selbst bereit zu sein, diese Fußballerinnen finanziell zu unterstützen. Mein Gedanke: Frauenfußball mag anders sein als „Fußball“, weil derzeit vermeintlich nur Männerfußball „Fußball“ ist. Frauenfußball ist dem Männerfußball nicht gleichgestellt. Die Fußballerinnen haben alle noch Jobs nebenher, um ihr Geld zu verdienen. Darauf wollte ich aufmerksam machen und Möglichkeiten aufzeigen, die den Fußballerinnen mehr finanzielle Stabilität bieten.

So, was ist daraus geworden?: Interessante Aspekte für die Unternehmen, aber viel mehr noch ein neues Format der Zusammenarbeit, sog. „kooperatives batteln“. Das kann ich nicht so gut erklären, wie die Expertinnen, die es erarbeitet haben. Es steht aber auf unserem Blog. Geplant war das nicht.

Melanie: Kannst du anderen Frauen Tipps mit auf den Weg geben, damit diese auch mehr in eine aktive als in eine passive Position kommen?

Judith: Erstens, den eigenen Wert und Werte der eigenen Leistungen erkennen und im richtigen Maße einfordern. Das fängt schon in der Paarbeziehung, beim Ausräumen der Spülmaschine etwa an. Frauen müssen lernen, bestimmte Sachen nicht mit sich machen zu lassen. Mir selbst ist es früher viel häufiger schwer gefallen, zu erkennen, welche Mehrwerte ich schaffe. Doch durch die Gespräche mit anderen, also durch Fremdwahrnehmung, wurde mir erst bewusst, welche Möglichkeiten und Ideen ich meinen Mandanten und den Frauen im Netzwerk zur Verfügung stelle. Das ist ein Prozess.

Dazu zählt auch die Wertschätzung von Netzwerken. Meine Beobachtung ist, dass viele Frauen keine Ahnung haben, was Netzwerken für ein Aufwand ist. Da Frauen – sehr allgemein gesprochen – emphatischer sind als Männer, verstehe ich nicht, warum diese nicht stärker im Netzwerken sind. Warum erkennen Frauen nicht, dass im Grunde alles (Business, Karriere, Politik) über Kontakte läuft? Für meine Kontakte, die mir lieb sind, bin ich eher gewillt, das zu tun. Mein Wunsch ist daher, dass Frauen sich bewusst machen, dass man nur mit Kontakten wirklich erfolgreich werden kann. Das muss auch nicht negativ behaftet sein.

Im Rahmen der Elefanntinnenrunde ist mir zudem aufgefallen, dass vor allem frau geneigt ist, unheimlich viel zu diskutieren. Dies ist ein Zeitfresser. Zu lernen, dass ich es nicht allen recht machen muss und kann, war für mich ein wichtiger Schritt, mit dem ich aber auch immer wieder kämpfe. In der Tendenz legen Frauen sehr viel Wert darauf (viel mehr als Männer), die Bedürfnisse der Menschen ihres Umfelds zu berücksichtigen. Darin liegt eine große Stärke, weil Kompromisse wahrscheinlicher sind. Dennoch: Eigene Bedürfnisse und das Gesamtziel dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Immer einen Konsens zu finden ist eine Mission Impossible, bei der wir selbst als Konsensanstrebende sehr wahrscheinlich auf der Strecke bleiben.

Mein Appel an der Stelle lautet: Entscheidungsfreudigkeit entwickeln und in Kauf nehmen, dass es nicht immer klappt, alle an Board zu behalten. Dafür bleibt frau aber hoffentlich selbst eher in Balance und das Ziel der Aktion wird nicht vollständig at risk gesetzt.

Melanie: Hast du zum Schluss noch einen Fun Fact über dich?

Judith: Ich habe einen Dackel. Ärgere mich, dass sie nicht gut hört und finde doch ihren Eigensinn so liebenswert. Trotzdessen, dass ich Steuerberaterin bin, habe ich übrigens wenig Lust auf meine eigene Steuererklärung.

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